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Ausflug ins Wunderland, Teil 2: Hinter den Spiegeln (des Offensichtlichen)

Liebe Freunde und Freundinnen des Theater Sommer Klagenfurts,

während die erste Premiere bereits mit Bravour gemeistert wurde und die zweite erst einen Grinsekatzensprung zurück liegt, nähert sich auch das Wettlesen beim diesjährigen Bachmannpreis und es steigert sich in exponentieller Aufwärtsbewegung eine kleine, aber hartnäckig festsitzende Nervosität meinerseits. Zugegeben abgelenkt von den mich in Entzückung versetzenden Fußfallerbeinchen, die im Moment über die Bildschirme huschen, frage ich mich, was denn dort, in Klagenfurt, passieren wird. Wie wird es sein, wenn ich lese und wenn daraufhin die Jury Feedback gibt?

Was ist nachher?

Aber das sind nicht die einzigen Fragen, die mich, während dieser Vorbereitungszeit auf die Tage der deutschsprachigen Literatur, beschäftigen. Fragen über Fragen wurden mir gestellt, die ich nur nach Kriterien des Offensichtlichen beantworten konnte. Woher man kommt, zum Beispiel, und: wohin man geht?

Das Leerzeichen zwischen diesen beiden Fragen ist ein Spiegel, in den ich zuerst blicken musste, um dann, gleich der Alice im zweiten Teil ihrer Wunderland-Abenteuer, durch ihn hindurchzugehen.

Offensichtlich ist, dass ich in Schwechat aufgewachsen bin und geboren bin ich in Mödling, weil es in Schwechat kein Krankenhaus gibt. Was, hätten sich damals meine Eltern für eine andere geografische Richtung, für ein Krankenhaus in Wien, entschieden? Nicht vieles wäre anders, aber doch Kleinigkeiten – dennoch: aufgewachsen wäre ich in Schwechat. Heimat und Herkunft prägen, und ich glaube, wenn schon nicht an den nationalen Überbegriff Heimat, doch an meine Wurzeln, die in der Industriestadt am Rande Wiens verankert sind. Deutlich spürbar werden sie, wenn ich mich an den Geruch von werdendem Bier erinnere, steigt in die Nase nämlich, wenn man bestimmte Plätze in Schwechat kreuzt, und an den nächtlichen Anblick der Raffinerie – meine ganz persönliche Blade Runner City. (Ähnlich wird es wohl den Klagenfurter Jungs gehen, wenn sie in die Heimat zum Theaterzauber zurückkehren.)

Foto by Nikolas Franz

In dieser Erinnerung wird der Ort der Herkunft zum Wunderland, das es jenseits des Spiegels gibt. Herkunft wird zur gedanklichen Spielwiese, zum Stoff, aus dem das Wunderland ist.

Und wenn Sie mir noch eins der Gedankenexperimente verzeihen, auch dieses Wohin liegt hinter einem Spiegel, und hinter dem Spiegel der Begriff Zukunft.

Offensichtlich ist, dass ich in nicht mehr ganz zwei Wochen Klagenfurt besuche, um dort zu lesen, offensichtlich zu einem abenteuerlichen Ausflug in den Literaturbetrieb, aber was dann? Aber was dort? Was bedeutet es, abseits der Anspannung und des mich trotz dieser Anspannung begleitenden Wohlgefühls, weil ich gerne tue, was ich tue, und weil ich dort wertvolle Zeit mit meinen Freunden verbringen kann? (Und glauben Sie mir, es ist ein gutes Gefühl, das mich dieser Tage begleitet und weiterhin begleiten wird – bei so viel Zuspruch und positivster Energie – auch davon kann das Team des THEATER SOMMER KLAGENFURT ein fröhliches Liedchen singen.)

Hinter dem Spiegel des Wohingehens, so denke ich es mir, liegt die Ungewissheit, und die ist Teil meines Wunderlands, die ist das Abenteuer, in das ich mich – und Künstler und Künstlerinnen aller Sparten – täglich gerne stürze.

Ach ja, und dann ist da noch diese eine Frage, die wohl niemand so richtig beantworten kann: warum schreiben Sie? Warum haben Sie sich für die Kunst entschieden?

Hm.

Äh.

Hm.

Ich glaube, sie hat sich für mich entschieden,

und ich spielte mit.

Hiermit genug der Worte,

lassen wir – auf der Theater- oder Lesebühne – Taten sprechen,

herzlichst und dankbar für all die guten Wünsche,

Isabella Feimer

(die hoffentlich nicht in Klagenfurt baden gehen wird ; ), sich aber schon sehr auf den Wörthersee freut! )

Isabella Feimer wird am Freitag, den 6. Juli 2012 im Anschluss an die Vorstellung von „Das verflixte zehnte Jahr“ um ca. 23:00 im Stadthaus Klagenfurt bei freiem Eintritt aus ihren Werken lesen. 

Lesen Sie den ersten Teil von Isabella Feimers Klagenfurt – Abenteuer und über ihren Theater (Sommer Klagenfurt) Bezug „Ausflug ins Wunderland – Bachmannpreis 2012“

 



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„Spiel mir das Lied vom Rössl“ Die unglaubliche Premierengeschichte des THEATER SOMMER KLAGENFURT 2011

Die ganze Welt spricht von Storytelling. Gehen wir doch einen Schritt weiter und plaudern „aus dem Nähkästchen“: Lest und staunt, welche Hiobsbotschaft uns am Tag vor der Premiere vom „Weißen Rössl am Wörthersee“ ereilt hat und wie Vieles anders wurde…

Es war ein wunderschöner 21. Juni 2011 – der Tag der Generalprobe. Die Tage zuvor war das Wetter sehr unbeständig und unser Lichttechniker hat die trockene Nacht genutzt, um die letzten Lichteinstellungen zu programmieren und an den Stimmungen zu feilen. Einer AMA (Alle mit Allem) Generalprobe stand also nichts mehr im Weg und das ganze Team brannte auf die Premiere, da wir alle wussten, dass wir ein richtig gutes Stück auf unser Publikum loslassen konnten, als uns gegen Mittag ein Anruf ereilte. So weit nichts Besonderes, da zu dieser Zeit das Telefon ohnehin sehr oft bimmelte.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Herr der wissen wollte, was wir da eigentlich genau machen. Zugegeben, eine vielleicht etwas eigentümliche Fragestellung, jedoch nicht wirklich ungewöhnlich. Nach ausführlicher Auskunft unseres operativen Leiters gab sich der Herr auf der anderen Seite der Strippe als Mitarbeiter des Bühnenverlags Felix-Bloch-Erben zu erkennen und unterrichtete Robert, dass die Exklusivrechte für die Operette „Im weissen Rößl am Wolfgansee“ 2011 an die Lehár Festspiele Bad Ischl vergeben wurden und forderte von uns die schriftliche Zusicherung, dass wir nicht eine einzige Zeile bzw. eine Melodie aus dem Libretto verwenden würden.

So. Jetzt muss man mal festhalten, dass wir Stücke und Stoffe gerne „aus der Fassung“ bringen. Und weil „aus-der-Fassung-bringen“ ja so eine Sache ist und man eigentlich jedes geänderte Wort mit dem Verlag absprechen müsste, greifen wir gerne auf Stücke zurück, die „frei“ sind. „Frei“ bedeutet, dass 70 Jahre nach Ableben des Autors das Copyright erlischt, man zum einen keine Tantiemen mehr zahlen muss und zum anderen Stücke nach allen Regeln der Kunst bearbeiten darf. Am Rande sei bemerkt, dass unser Autor immer mit höchstem Respekt an das Bearbeiten von Stoffen herangeht…

Aber noch einen Schritt zurück: Als Norbert Holoubek, Robert Saringer und meine Wenigkeit uns im Spätsommer 2010 den Kopf darüber zerbrachen, mit welchem Stück wir Klagenfurt des Sommers wieder so richtig rocken können, stand lange Zeit Oscar Wilde‘s Meisterwerk „Bunbury“ auf unserer Liste ganz weit oben. Wie wir letztendlich zum „Rössl“ gekommen sind, weiss ich nicht mehr. Fest stand nur, dass wir das Lustspiel „Im weissen Rößl“ (das auch gar nicht am Wolfgangsee spielt) von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg als Vorlage nehmen, es auf die wichtigsten Rahmenhandlungen kürzen und mit „Bunbury“ vereinen wollten. So verfasste Norbert für uns eine komplett neue Komödie, die im wesentlichen auf diesen beiden Stücken beruht. Angenehm für uns, da für diese beiden Meisterwerke auch keine Tantiemen mehr anfallen. Also war der Plan, unsere Produktion mit dem eindeutigen Titel „Im weißen Rössl am Wörthersee – keine Operette, doch völlig aus der Fassung!“ mit ein paar Nummern wie zum Beispiel „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ mitsamt einer Schuhplattler-Choreographie zu garnieren. Für dieses Lied fallen dann AKM Gebühren an, die wir selbstverständlich jährlich zahlen.

Dass der Anruf vom Verlag am Vortag der Premiere eine Hiobsbotschaft ist, kann man vermutlich leicht nachvollziehen – schliesslich wurden Lieder aus der Operette über Wochen geprobt, teilweise  choreographiert und mussten ganz raus oder ersetzt werden –  und zwar schleunigst! Die Lieder waren jedoch auch das einzige Problem, da wir das Libretto nie auch nur aus der Ferne beäugt hatten.

An jenem besagtem Tag rückte unser Ensemble enger zusammen als es irgendein Teambuilding-Guru je zusammengebracht hätte: Daniel Ogris ging das gesamte Libretto durch, um nach möglichen „Plagiaten“ zu suchen (an dieser Stelle noch mal herzlichen Dank für die Unterstützung an Gudrun Nikodem-Eichenhardt von den „Kernölamazonen“), alle anderen suchten nach passenden Liedern, mit denen man die Operettensongs ersetzen konnte, um zumindest die Choreographien zu retten. Es wurde getextet, verworfen, gesungen, getanzt und probiert. Es war ein toller Tag, an dem alle ruhig geblieben sind, sich einer gemeinsamen Sache angenommen und gemeinsam an einem Strang gezogen haben.

Ich denke, dass uns dieser Stress gut getan hat. Zum einen sah man, dass wir ein Team haben, das tadellos funktioniert, in dem jeder bereit ist, kurzfristig Änderungen vorzunehmen und das für einander da ist. Zum anderen hat unser „Rössl“ sehr gewonnen, da nicht eine einzige bekannte Operettenmelodie in unserer Produktion zu hören war. Die Musikarrangements wurden dadurch unvorhersehbar, wesentlich origineller und witziger.

Ob wir vorschnell gehandelt haben, indem wir die originalen „Rößl“- Lieder rausgenommen haben oder ob wir eh auf der rechtlich sicheren Seite waren, will ich an dieser Stelle nicht kommentieren. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Homepage samt Stückbeschreibung seit Monaten online sowie tausende Flyer im Umlauf. Wenn man weiss, wie Verlage arbeiten und zurecht akribisch darauf achten, dass kein Copyright verletzt wird, wundert es mich, dass sich der Verlag nicht schon früher bei uns gemeldet hat. Ob es also Kalkül war, uns so dermassen kurzfristig zu kontaktieren und ob uns jemals jemand kontrolliert hat, weiss ich nicht. Was ich allerdings weiss ist, dass trotz der Exklusivrechte für Bad Ischl mehr als eine öffentliche „Rößl“-Operettenproduktionen 2011 in Österreich produziert wurde.

Rückblickend freut es mich, weil es ein sehr schöner und konstruktiver Tag war, wir eine aufregende Generalprobe und eine supertolle Premiere hatten.

Schön war es – trotzdem: Nochmal brauchen wir so etwas nicht! 😉

Was aus der geprobten Choreographie letztendlich geworden ist, seht ihr hier:

Alles Liebe & bis bald,

Wilhelm Prainsack

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Norbert Holoubek über die Herausforderung „Im weißen Rössl am Wörthersee – das verflixte zehnte Jahr“ -THEATER SOMMER KLAGENFURT – Klagenfurt am Wörthersee

Hmmm, einen zweiten Teil für „ Das Weisse Rössl am Wörthersee“ zu schreiben ist eine besondere Herausforderung, birgt viele Gefahren und hat einige Vorraussetzungen, die ein „normales“ Theaterstück nicht hat. Es darf so viel NICHT und MUSS so viel sein:

  • Es darf keine Kopie vom Rössl I sein.
  • Es darf keine abhängige Fortsetzung werden, sondern eben eine unabhängige.
  • Es darf nicht weniger lustig als der erste Teil sein.
  • Es muss so geschrieben werden, dass es logistisch möglich ist, fünf Schauspieler alle 12 Rollen spielen zu lassen.
  • Es muss todkomisch, niemals platt und doch anspruchsvoll sein.
  • Es muss alle Schauspieler fordern und glücklich machen.
  • Es muss das Publikum fordern und glücklich machen.
  • Es muss mich glücklich machen.

Hui… Hilfe! Und jetzt?

Bei mir ist es so, dass ich länger mit einer Idee „schwanger laufe“. Ich habe eine erste Idee, setze sie in irgendeiner Gehirnwindung aus und lasse sie unterbewusst so vor sich hinarbeiten. Aus verschiedensten Seiten versuche ich mir Inspirationen zu holen: aus Filmen und Theaterstücken, aus dem Alltag, aus Träumen. Viel Woody Allen habe ich gesehen, gefällt mir gut, doch will sich sein Stil einfach nicht in meine Rössl II Vorstellungen reinbiegen lassen. Viele Komödien habe ich gelesen. Erst auf der Suche, nach Stücken deren Handlung man verweben könnte. (Wie vor zwei Jahren beim „Geizigen“, oder letztes Jahr die Mischung mit „Bunbury“ von Oscar Wilde). Aber irgendwie gefällt mir nichts gut genug. Dann muss es wohl etwas ganz eigenes werden! Immerhin werden die Ideen immer mehr und das Samenkorn in meiner Gehirnwindung wird größer – ein kleines Pflänzchen spriesst und wackelt schon ganz schön herum in meinem Kopf.

Bald weiss ich vor allem eins: Teil II wird keine unmittelbare Fortsetzung werden, es soll zehn Jahre später spielen. Warum? Weil sich Menschen verändern. Bewusst, öfter unbewusst und dies ist ein Thema, das ich immer spannend finde. Also: wie entwickeln sich die Figuren weiter, wie geht es ihnen, zehn Jahre nach dem Happy End? Sind sie überhaupt noch glücklich? Kämpfen sie für ihr Glück? Suchen sie das Glück? Oder überlegen sie schon, wie sie ihren Partner unauffällig wieder loswerden können… Das sind Themen, die mich reizen.

Also: Einfach anfangen.

Irgendwann sitze ich endlich vorm PC. Und zum Glück fällt es mir leicht einfach mal loszuschreiben. Die Angst vor dem weißen Blatt Papier oder den leeren Bildschirm – die kenne ich nicht. Zum Glück! Ich kenne Autoren, die können unchronologisch schreiben. Das kann ich gar nicht. Ich muss vorne anfangen und logisch darauf aufbauen. Die ersten Szenen sind die schwierigsten. Denn alles was da entschieden wird, hat Folgen für das restliche Stück. Zwölf Figuren einzuleiten und dem Publikum vorzustellen, ist nicht so einfach. Und die Frage ist: welche Figuren? Bald trenne ich mich von einigen lieb gewonnenen Charakteren aus dem ersten Teil und freue mich wie ein guter Onkel mit den Figuren, die „überleben“, und von denen ich noch mehr erfahren darf . Das ist toll!!! Auch neue Charaktere auf das „alte“ Personal loszulassen macht wirklich Spaß. Und immer mehr verliebe ich mich in „meine“ Figuren, die doch nie meine sind, sondern die ich zu beobachten scheine und die ich oft vor schwierige Herausforderung stelle. Absichtlich. Interessant werden die Figuren so richtig, wenn sie eigentlich keinen Ausweg mehr sehen und dann kreativ werden: Sie beginnen zu kämpfen, sie werden richtig komisch, und ich leide mit ihnen mit… Denn leicht mache ich es ihnen nicht – zehn Jahre später! Und einen Mörder hetze ich ihnen auch noch auf den Hals.

Endlich ist der erste Guss ist fertig. Oft noch mal drüber lesen… Oft noch mal nachkontrollieren… Das Stück wird oft umgeschrieben und wie ein heller Kristall von allen Seiten beleuchtet und geschliffen. Schließlich kann ich es erst den Produzenten präsentieren, wenn es auch wirklich „mein“ Baby ist, das ich verstehen und verteidigen kann.

Und da liegt es jetzt. Ausgedruckt auf meinem Schreibtisch. Das ausgedruckte „Rössl II“-Werk. Bereit für seine ersten Gehversuche.

Einsame Stunden liegen hinter mir, jetzt kommt der Geist der anderen dazu. Der nächste Prozess.

Gemeinsam mit den beiden Produzenten suchen wir einen geeigneten Namen. Ein echt schwieriges Unterfangen, schliesslich schicke ich mein Kind mit diesem Namen in die Welt hinaus, und da soll es neugierig machen, begeistern, gefallen und glücklich machen!

Mich hat es schon mal glücklich gemacht. Also habe ich immerhin schon einem Punkt entsprochen.

„Im weißen Rössl am Wörthersee – das verflixte zehnte Jahr“ – Ich freu mich drauf!!!

Norbert Holoubek

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