Archiv der Kategorie: aus dem Nähkästchen geplaudert

Apfeltalk – Welturaufführung, Diskussionen & Probenprozesse

Theaterleut ́ sind schon ein eigenes Volk. Jaja, mir ist schon klar: Tiroler sind auch ein eigenes Volk. Oder Indianer: aber die reden halt nicht sooo viel! Da genügt ein einfaches „Howgh“, dann wird an der Pfeife gepofelt und gut ist. Jetzt wirst Du Dich vielleicht fragen: warum zum Teufel machen das die Theaterleut ́ nicht auch so, warum wird geredet, geschaut, geredt geschaut und dann wieder ein bisschen gestammelt? Und da muss ich Dir sagen: keine Ahnung. Am Rauchen wird ́s wohl nicht liegen – gequalmt wird genug. Dann schon eher am „Hau“. Aber das ist wahrscheinlich erst dann cool, wenn man quasi Pierre Price ist, oder von mir aus Waterloo.

Auf jeden Fall freue ich mich, dass die Theaterleute wieder hier in meinem Innenhof sind und mir als Apfelskulptur den Alltag versüßen! Denen beim Probieren zuzuschauen ist echt witzig. Und wenn die mit den Proben fertig sind, wird so emsig weitergehackelt, dass sogar die Ameisen ihre Freude beim Zuschauen hätten. Geputzt, diskutiert, geschaut, diskutiert, herumgeschoben, diskutiert, telefoniert und dann wird die ganze Nacht mit dem Licht solange herumprobiert bis mir die Sonne wieder auf meinen schön geschliffenen Korpus scheint – und schon geht es wieder mit den Proben weiter…

Und weisst was: heute Abend ist Premiere. Da sind die aber sowas von nervös und so ruhig, dass ich fast Angst um sie kriege. Bei der ausverkauften Vorstellung werden sie dann wieder aufdrehen und spielen, als wenn es kein morgen gäbe! Dann wird es wieder ein bissl ruhig hier im Innenhof – zumindest tagsüber. Das macht mich etwas traurig. Damit du einen Eindruck davon bekommst, wie köstlich ich mich den ganzen Tag hier unterhalte, ein Beweisvideo (Bin gespannt, ob Du auch mich auf dem Video findest):

Aber dass so viel diskutiert wird bei den Theaterleuten geht mir halt auch nicht in die Birne… Aber mein Gott: durchs Reden kommen die Leut zammen heisst es ja so schön. Und auf einmal geht´s schwuppdiwupp und das Stück steht so tip top da, dass ich mich frage: wären all die Diskussionen echt notwendig gewesen? Die Theaterleut ́ meinen, dass ja. Aber bitte – ich, musst du wissen, bin da ja mehr so der große Schweiger…

Ich bleib da lieber bei Winnetou: Howgh & Friede

Herzlichst,

Dein Kunstapfel

P.S.: Vielleicht kommst du mich die nächsten Tage mal besuchen – schön wäre das, wenn wir uns auch mal kennen lernen! Bei der Gelegenheit stelle ich dir diese Theaterleute gerne vor – oder erzähle dir hinter vorgehaltener Hand mehr, hehe 😉

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„Big Apple is watching you“ – THEATER SOMMER KLAGENFURT

Hallo, ich bin Malus Domestica. Das kommt aus dem Lateinischen bedeutet „häuslicher Apfel“. Also: ein kultivierter Apfel. Da ich ja selbst – gehen wir mal soweit – aus der Kultur komme, find ich es ziemlich lustig, dass der gemeine Apfel „Kulturapfel“ genannt wird – aber bitte! Der Ausdruck Kultur wird von colere (wohnen, pflegen, den Acker bestellen) abgeleitet – kommt also quasi aus dem Ländlichen. Mittlerweile wird die Kultur ja eher mit den urbanen Ballungsräumen in Zusammenhang gebracht. Aber ich schweife wieder ab. Das mach ich gerne, musst du wissen. Bevor du dich wunderst, was ich da verzapfe, pass auf – es heisst ja so schön: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. In meinem Fall ist das nur bedingt richtig. Man könnte sagen, ein Granitblock fällt nicht weit vom Felsen. Auch das ist mir nicht wiederfahren: ich wurde von dem Künstler Max Gangl zu einem Obststück geschlagen und geschliffen. Dann prominent fast in die Mitte des schönen Innenhofes vom Stadthaus Klagenfurt gebettet. Ob meiner geschätzten 1.400 kg mit einem Gabelstapler, wohlgemerkt! Damit ich mich da nicht so einsam fühle, wurden mir zwei Birnen zur Seite gestellt. Ich bin sozusagen der Herr hier im Innenhof: DER Apfel, DIE Birnen!

Bei der ersten technischen Besprechung im Frühling 2010 wurde ja tatsächlich versucht, mich zu verrücken... denkste ;)

Bei der ersten technischen Besprechung 2010 haben die Helden ja tatsächlich versucht, mich anders zu platzieren

Aber jetzt stell dir vor: ich bin kein Obststück, sondern ein Kunststück! Und obwohl ich aus der bildenen Kunst komme, hab ich durchaus eine hohe Affinität zur darstellenden. Und hallo hallo – jetzt schliesst sich der Kreis: Seit zwei Jahren wird in meinem Innenhof Theater gespielt, und das beste dabei: ob meines Gewichtes bin ich nicht wegzukriegen. In all meiner Pracht stehe ich derart prominent im Innenhof, dass man mich in die Stücke einbauen muss. Die beiden Birnen, die etwas leichter sind, wandern in den Inszenierungen fleissig umher!

Was mir dabei weniger gefällt ist, dass ich durchaus auch als Gebrauchsgegenstand herhalten muss. Mal als Ablage für allerlei Kram aber auch als Sitz- oder Anlehngelegenheit, was mir in manchen Fällen schon beträchtlich lieber ist. Dass mir Hunde ein Gräuel sind, kannst du dir bestimmt vorstellen, daher bin ich auch unendlich froh, dass zum Theater doch überwiegend Menschen kommen!

Die beiden Birnen sind schon leichter zu versetzen – hier als Kulisse in „Der Geizige – nach Moliére, doch völlig aus der Fassung“ mit Jörg Reifmesser, 2010

Vielleicht wirst du dich jetzt fragen, warum ich hier jetzt meinen Senf ablasse. Pass auf, es ist nämlich so: Dass ich auch oft als Ablage missbraucht werde, hab ich ja schon erwähnt. Tschick, Bier, Säfte, Klamotten und vieles mehr hab ich schon ertragen. Aber auch einen Rechner mit allen Passwörten und Zugängen. Und da hab ich mir gedacht, blöd wirst sein, und dein Wissen nicht in die Welt raustragen. Wie oft hab ich schon Menschen, die den Park über mir besuchten, sagen hören: „Wenn der alte Baum da sprechen könnte, der könnte dir Dinge erzählen…“. Dass niemand auf die Idee kommt, mich mal zu fragen, betrübt mich schon ein bissl. Nenn es ruhig Eitelkeit. Aber weisst du, ich denke, dies ist legitim.

 
Auch ich spiele immer mit. Hier als Sitzgelegenheit für „Ottilie“ Astrid Herbich in „Im Weißen Rössl am Wörthersee – keine Operette, doch völlig aus der Fassung“ 2011

Wenn ich mir so die Schauspieler beim Proben anschaue…  Oder so manch einen aus dem Publikum… Wie der oder die reinstolziert und in unbeobachteten Momenten Dinge von sich gibt, dass meine imaginären Ohren nur so wackeln wie Fackeln im Wind! Also ich hab schon eine Menge zu erzählen: Da war zum Beispiel dieser junge Mann, der zum Bittwoch mit einem alten, gebrauchten Geschirrtuch kam und der sich dann in Grund und Boden geniert hat… Oder der Lachkrampf eines Schauspielers, der alle im Innenhof angesteckt hat… Oder der Stromausfall während einer Vorstellung… Mann, zu erzählen gibt es viel – und das werde ich an dieser Stelle von nun an auch häufiger tun! In diesem Sinn: Big Apple is watching you… 😉

 
Erste Reihe fußfrei – da kriegt man ALLES mit…
Bald wird es von diesem Steinobstgeflüster mehr geben!
Bis dahin wünsch ich dir vom Kern alles Liebe und Gute & auf dass du gut zubeissen kannst!

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„Spiel mir das Lied vom Rössl“ Die unglaubliche Premierengeschichte des THEATER SOMMER KLAGENFURT 2011

Die ganze Welt spricht von Storytelling. Gehen wir doch einen Schritt weiter und plaudern „aus dem Nähkästchen“: Lest und staunt, welche Hiobsbotschaft uns am Tag vor der Premiere vom „Weißen Rössl am Wörthersee“ ereilt hat und wie Vieles anders wurde…

Es war ein wunderschöner 21. Juni 2011 – der Tag der Generalprobe. Die Tage zuvor war das Wetter sehr unbeständig und unser Lichttechniker hat die trockene Nacht genutzt, um die letzten Lichteinstellungen zu programmieren und an den Stimmungen zu feilen. Einer AMA (Alle mit Allem) Generalprobe stand also nichts mehr im Weg und das ganze Team brannte auf die Premiere, da wir alle wussten, dass wir ein richtig gutes Stück auf unser Publikum loslassen konnten, als uns gegen Mittag ein Anruf ereilte. So weit nichts Besonderes, da zu dieser Zeit das Telefon ohnehin sehr oft bimmelte.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Herr der wissen wollte, was wir da eigentlich genau machen. Zugegeben, eine vielleicht etwas eigentümliche Fragestellung, jedoch nicht wirklich ungewöhnlich. Nach ausführlicher Auskunft unseres operativen Leiters gab sich der Herr auf der anderen Seite der Strippe als Mitarbeiter des Bühnenverlags Felix-Bloch-Erben zu erkennen und unterrichtete Robert, dass die Exklusivrechte für die Operette „Im weissen Rößl am Wolfgansee“ 2011 an die Lehár Festspiele Bad Ischl vergeben wurden und forderte von uns die schriftliche Zusicherung, dass wir nicht eine einzige Zeile bzw. eine Melodie aus dem Libretto verwenden würden.

So. Jetzt muss man mal festhalten, dass wir Stücke und Stoffe gerne „aus der Fassung“ bringen. Und weil „aus-der-Fassung-bringen“ ja so eine Sache ist und man eigentlich jedes geänderte Wort mit dem Verlag absprechen müsste, greifen wir gerne auf Stücke zurück, die „frei“ sind. „Frei“ bedeutet, dass 70 Jahre nach Ableben des Autors das Copyright erlischt, man zum einen keine Tantiemen mehr zahlen muss und zum anderen Stücke nach allen Regeln der Kunst bearbeiten darf. Am Rande sei bemerkt, dass unser Autor immer mit höchstem Respekt an das Bearbeiten von Stoffen herangeht…

Aber noch einen Schritt zurück: Als Norbert Holoubek, Robert Saringer und meine Wenigkeit uns im Spätsommer 2010 den Kopf darüber zerbrachen, mit welchem Stück wir Klagenfurt des Sommers wieder so richtig rocken können, stand lange Zeit Oscar Wilde‘s Meisterwerk „Bunbury“ auf unserer Liste ganz weit oben. Wie wir letztendlich zum „Rössl“ gekommen sind, weiss ich nicht mehr. Fest stand nur, dass wir das Lustspiel „Im weissen Rößl“ (das auch gar nicht am Wolfgangsee spielt) von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg als Vorlage nehmen, es auf die wichtigsten Rahmenhandlungen kürzen und mit „Bunbury“ vereinen wollten. So verfasste Norbert für uns eine komplett neue Komödie, die im wesentlichen auf diesen beiden Stücken beruht. Angenehm für uns, da für diese beiden Meisterwerke auch keine Tantiemen mehr anfallen. Also war der Plan, unsere Produktion mit dem eindeutigen Titel „Im weißen Rössl am Wörthersee – keine Operette, doch völlig aus der Fassung!“ mit ein paar Nummern wie zum Beispiel „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ mitsamt einer Schuhplattler-Choreographie zu garnieren. Für dieses Lied fallen dann AKM Gebühren an, die wir selbstverständlich jährlich zahlen.

Dass der Anruf vom Verlag am Vortag der Premiere eine Hiobsbotschaft ist, kann man vermutlich leicht nachvollziehen – schliesslich wurden Lieder aus der Operette über Wochen geprobt, teilweise  choreographiert und mussten ganz raus oder ersetzt werden –  und zwar schleunigst! Die Lieder waren jedoch auch das einzige Problem, da wir das Libretto nie auch nur aus der Ferne beäugt hatten.

An jenem besagtem Tag rückte unser Ensemble enger zusammen als es irgendein Teambuilding-Guru je zusammengebracht hätte: Daniel Ogris ging das gesamte Libretto durch, um nach möglichen „Plagiaten“ zu suchen (an dieser Stelle noch mal herzlichen Dank für die Unterstützung an Gudrun Nikodem-Eichenhardt von den „Kernölamazonen“), alle anderen suchten nach passenden Liedern, mit denen man die Operettensongs ersetzen konnte, um zumindest die Choreographien zu retten. Es wurde getextet, verworfen, gesungen, getanzt und probiert. Es war ein toller Tag, an dem alle ruhig geblieben sind, sich einer gemeinsamen Sache angenommen und gemeinsam an einem Strang gezogen haben.

Ich denke, dass uns dieser Stress gut getan hat. Zum einen sah man, dass wir ein Team haben, das tadellos funktioniert, in dem jeder bereit ist, kurzfristig Änderungen vorzunehmen und das für einander da ist. Zum anderen hat unser „Rössl“ sehr gewonnen, da nicht eine einzige bekannte Operettenmelodie in unserer Produktion zu hören war. Die Musikarrangements wurden dadurch unvorhersehbar, wesentlich origineller und witziger.

Ob wir vorschnell gehandelt haben, indem wir die originalen „Rößl“- Lieder rausgenommen haben oder ob wir eh auf der rechtlich sicheren Seite waren, will ich an dieser Stelle nicht kommentieren. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Homepage samt Stückbeschreibung seit Monaten online sowie tausende Flyer im Umlauf. Wenn man weiss, wie Verlage arbeiten und zurecht akribisch darauf achten, dass kein Copyright verletzt wird, wundert es mich, dass sich der Verlag nicht schon früher bei uns gemeldet hat. Ob es also Kalkül war, uns so dermassen kurzfristig zu kontaktieren und ob uns jemals jemand kontrolliert hat, weiss ich nicht. Was ich allerdings weiss ist, dass trotz der Exklusivrechte für Bad Ischl mehr als eine öffentliche „Rößl“-Operettenproduktionen 2011 in Österreich produziert wurde.

Rückblickend freut es mich, weil es ein sehr schöner und konstruktiver Tag war, wir eine aufregende Generalprobe und eine supertolle Premiere hatten.

Schön war es – trotzdem: Nochmal brauchen wir so etwas nicht! 😉

Was aus der geprobten Choreographie letztendlich geworden ist, seht ihr hier:

Alles Liebe & bis bald,

Wilhelm Prainsack

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